Dokumentation der laufenden Ereignisse zur "Team Wallraff"-Sendung

Hamburg/Berlin, 26.05.2014 - "Team Wallraff" von RTL hatte in zwei Pflegeheimen recherchiert. In einem Pflegeheim in München (ein städtischer Altenheimträger) und in einer Einrichtung der Marseille-Kliniken AG, nämlich dem Pflegehaus Kreuzberg in Berlin. In beiden Einrichtungen hatte sich die RTL-Reporterin Pia Osterhaus als Praktikantin unter falschem Namen eingeschlichen. Ihr Ziel war klar vorgegeben: "Suche, finde und berichte einseitig".

Die falsche "Diana" in Kreuzberg

Pia Osterhaus bewarb sich unter dem falschen Vornamen "Diana" als Praktikantin. Als solche wurde sie auch von der damaligen Pflegedienstleiterin angenommen und eingewiesen. Das war im Dezember vergangenen Jahres. Die durch falsche Angaben eingeschleuste Praktikantin arbeitete ganze vier Tage mit, am 5. Tag meldete sie sich krank. Was die Mitarbeiter und Bewohner damals nicht wissen konnten: Die falsche "Diana" zeichnete ihre Gespräche heimlich auf, um diese später über das TV zu verbreiten.

Wir erfuhren erst am späten Nachmittag vor der Sendung (12. Mai 2014), dass unsere Pflegeeinrichtung Teil der RTL-Berichterstattung sein würde. Wir waren gespannt.

Entgegen ihrer Erwartung sah die falsche "Diana" bei uns keinen groben oder menschenunwürdigen Umgang der Mitarbeiter mit den Bewohnern. Im Gegenteil. Was also tun? Es musste etwas gefunden werden. Also wurden andere Mängel angeführt: Eine angeblich schimmelige Wand (es waren Wasserflecken, die durch eine damals undichte Stelle im Dach entstanden waren), ein angeblicher, nicht den Gesundheitsbehörden gemeldeter Ausbruch einer Norovirus-Erkrankung (es war zwar kein Norovirus, das Gesundheitsamt wurde aber trotzdem nachweislich über die Darmerkrankung einiger Bewohner informiert) oder Waschlappen, die an diesem Tag fehlten (was tatsächlich stimmte). Es wurde ein "verschmutztes" Zimmer eines Bewohners (ein ehemaliger Langzeit-Obdachloser) gezeigt, der halbnackt und schlafend von Pia Osterhaus gefilmt wurde. Wir sahen einen geistig verwirrten, schwer alkoholkranken Bewohner, der ebenfalls von Frau Osterhaus gefilmt wurde, als er nur mit Unterhose bekleidet durch die Gänge lief. Auch wurde behauptet, dass "Diana" mit angeblich nur drei weiteren Pflegekräften alle Bewohner dieses Wohnbereiches habe versorgen müssen (laut Belegungsplan waren es an diesem Tag allerdings fünf Personen) und dass eine Mitarbeiterin in einer bestimmten Situation nicht richtig reagiert habe (Stimmt. Deshalb wurden mit der Mitarbeiterin auch intensive Gespräche geführt).

Wir standen vor der Frage: Einfach den Kopf einziehen und sich wegducken? Einfach hinnehmen, wie die Bewohner des Pflegeheims verwirrt und halbnackt einem Millionenpublikum vorgeführt werden? Oder sollten wir als Unternehmen es akzeptieren, dass unsere Mitarbeiter, die Tag für Tag engagiert einen der härtesten Berufe ausüben, in einem solch negativen Licht präsentiert werden?

Noch in der Nacht der Ausstrahlung der Sendung erarbeiteten wir eine Pressemitteilung, in der wir die Dinge transparent darlegten und den falschen Behauptungen bzw. unstimmigen Beobachtungen von Frau Osterhaus entgegentraten. Auch machten wir deutlich, dass es sich in Kreuzberg um eine spezielle Pflegeeinrichtung handelt, in der unter anderem schwerkranke Alkoholiker und ehemalige Langzeitobdachlose leben, mit speziellen Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Wir verwiesen darauf, dass fast alle genannten baulichen und angeblich hygienischen Mängel der Einrichtung zu dem Zeitpunkt, als die Sendung ausgestrahlt wurde, längst beseitigt waren.

Die Pressemitteilung können Sie hier nachlesen:
www.marseille-kliniken.de/presse/pressemitteilungen.html?pid=288

Traumatische Erfahrung für unsere Mitarbeiter

Am Tag nach der Sendung waren die Mitarbeiter des Pflegehauses Kreuzberg sichtlich traumatisiert. Nicht nur, weil ihre Arbeit und die eines ganzen Berufsstandes sowie die Einrichtung in ein so negatives Licht gerückt wurde, sondern sie fühlten sich auch verraten und hintergangen von der falschen "Diana". Einige Mitarbeiterinnen weinten, andere konnten nicht fassen, dass der Bericht so einseitig war und nicht auch die positiven Seiten ihrer Arbeit und der Einrichtung dargestellt wurden. Die Mitarbeiter bekamen Drohanrufe. Betreuer von Bewohnern zeigten sich entsetzt, dass ihre wehrlosen Schützlinge halbnackt einem millionenfachen TV-Publikum präsentiert wurden. Eine Mitarbeiterin berichtete, dass ihr Kind in der Schule auf den TV-Bericht angesprochen wurde. "Mama, Du darfst da nicht mehr arbeiten", hatte das Kind zu seiner Mutter gesagt. Andere zeigten sich wütend über die Tatsache, dass sie heimlich gefilmt und ihre Gespräche aufgenommen wurden.

Die Marseille-Kliniken AG als Arbeitgeber sah sich in der Pflicht, im Sinne der Mitarbeiter zu handeln. Wir wollten den Mitarbeitern und Bewohnern bzw. deren Betreuern zeigen, dass wir an ihrer Seite stehen. Es war fast unmöglich, unseren Mitarbeitern, die ja allesamt journalistische Laien sind, zu vermitteln, warum eine Journalistin, die es nicht so genau nimmt, exakt so berichtet, wie Frau Osterhaus es getan hat. Dass deren Recherche niemals ergebnisoffen angelegt war, dass die Journalistin unseres Erachtens mit dem Auftrag angetreten war, etwas Negatives im Pflegehaus zu finden, und dass unsere Mitarbeiter und Bewohner dazu benutzt wurden, und dass sie letztendlich keine Chance hatten, sich im Vorfeld dagegen zu wehren.

Unsere Einladungen an Frau Osterhaus

Was lag also näher, als die Journalistin Pia Osterhaus zu bitten, persönlich ins Pflegehaus Kreuzberg zu kommen, um den Mitarbeitern zu erklären, was ihr eigentlicher Auftrag war, warum sie heimliche Ton-und Filmaufnahmen gemacht hat, warum sie nicht auch die positiven Aspekte und Aussagen der täglichen Arbeit in ihrem Bericht eingebracht hat?

Wir entschlossen uns, Frau Osterhaus zu einem Gespräch mit den Mitarbeitern des Pflegehauses Kreuzberg einzuladen. Wir wollten nicht viel Zeit verstreichen lassen, denn unsere Mitarbeiter waren aufgewühlt. So einigten wir uns auf den 15. Mai 2014, also vier Tage nach der Sendung, als Termin für eine Mitarbeiterversammlung (das ist sehr kompliziert, denn die laufende Pflege der Bewohner musste dabei gesichert bleiben) und schickten die Einladung an Pia Osterhaus, einmal an Sie persönlich via Email (13. Mai 2014 um 9:34 Uhr), und wir veröffentlichten die Einladung gleichzeitig auch auf unserer Webseite.

http://www.marseille-kliniken.de/presse/pressemitteilungen.html?pid=291

Es folgte eine Absage via Email (13. Mai 2014 gesendet um 17:35 Uhr). Frau Osterhaus begründete dies damit, dass sie, also das "Team Wallraff", es nicht innerhalb von zwei Tagen schaffen würden, nach Berlin zu kommen und der Termin zu kurzfristig sei. Zitat:

"Leider können wir den von Ihnen vorgeschlagenen Termin innerhalb von 48 Stunden nicht möglich machen und melden uns daher in Kürze mit neuen Vorschlägen. Wir vom "Team Wallraff" kommen gerne zu Ihnen und sicher haben Sie nichts dagegen, wenn auch ein Kamera-Team von uns dabei ist für mögliche Interviews und Drehs vor Ort."

Und ob wir was dagegen hatten, dass Frau Osterhaus mit einem Kamerateam auftaucht! Wir empfanden diese Mail als einen Affront gegenüber unseren Mitarbeitern: Erstens wäre es ihr sicherlich möglich gewesen zu kommen, wenn sie es nur gewollt hätte (einer Journalistenkollegin von der sie gefragt wurde, warum sie nicht komme, vertraute Pia Osterhaus an, dass sie die Handwerker im Haus habe). Zweitens wollte sie mit einem Kamerateam im Rücken vor ausgerechnet jenen Mitarbeitern auftreten, die sich wegen heimlicher Film- und Tonaufnahmen von ihr hintergangen fühlten. Diese Mitarbeiter hegten nach dem Erlebten ein tiefes Misstrauen gegen die Medienfrau Pia Osterhaus. Und diese wollte nun auch noch ihre "Opfer" vor der Kamera interviewen? Die Mitarbeiter fühlten sich verhöhnt. Frau Osterhaus hatte es offensichtlich immer noch nicht verstanden! Wir antworteten:

"... herzlichen Dank für Ihre Antwort auf unsere Einladung. Es freut uns sehr, dass Sie sich mit unseren Mitarbeitern treffen und über Ihre Sendung sprechen wollen. Allerdings scheint hier ein Missverständnis Ihrerseits vorzuliegen: Die Mitarbeiter, die sich Ihnen als "Kollegin" anvertraut hatten, wollten am kommenden Donnerstag mit Ihnen über Ihre Sendung sprechen und nicht im gleichen Atemzug auch noch interviewt werden. Sie werden sicherlich verstehen, dass unsere Mitarbeiter nach Ihrer Sendung starkes Misstrauen gegenüber den Medien und deren Vertreter hegen. Deshalb erscheint es sinnvoller – und so auch der Wunsch unserer Mitarbeiter – sich erst einmal persönlich über das Geschehene zu unterhalten und Ihnen so die Gelegenheit zu geben, die Wunden, die Sie mit Ihrer Berichterstattung geschlagen haben, zu heilen. ....."

Wir bekräftigten erneut, dass wir an einem Gespräch interessiert sind, und dass sich die Mitarbeiter NACH einem klärenden Gespräch mit Frau Osterhaus selbst entscheiden können, ob sie sich für Interviews zur Verfügung stellen wollen oder nicht. Wir schrieben auch:

"Bis dahin allerdings werden wir es so halten: der Termin am Donnerstag bleibt bestehen. Die Mitarbeiter werden ab 13 Uhr auf Sie warten und freuen sich auf Ihr Kommen."

In der darauffolgenden Email (14. Mai 2014 um 17.17 Uhr) von Frau Osterhaus ging sie auf unser Angebot, dass erst ein klärendes Gespräch ohne ein sie "beschützendes" Kamerateam im Rücken stattfinden sollte, erst gar nicht ein. Auszug aus Ihrer Email:

"....können wir den sehr kurzfristig von Ihnen festgelegten Termin nicht wahrnehmen. Wir, das Team Wallraff, möchten aber hier noch einmal ausdrücklich betonen, dass wir ein großes Interesse an einem Austausch mit Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Bewohnerinnen und Bewohnern haben."

"Wir"? Wen meinte sie mit "Wir"? Wir gehen davon aus, dass Frau Osterhaus nicht im pluralis majestatis von sich spricht, sondern damit sich und ein Kamerateam meint. Hatte sie nicht verstanden, um was es geht, oder wollte oder durfte sie es nicht verstehen? Unsere Mitarbeiter suchten ein klärendes Gespräch mit ihr als Journalistin. Sie wollten nicht interviewt werden, nicht bevor sich Frau Osterhaus ihnen gegenüber erklärt hatte.

Wir haben deshalb entschieden, nicht mehr auf ihre Email einzugehen. Die Dame wollte offenbar partout mit dem Kamerateam auftauchen, und sie hatte nicht den Mut, alleine vor die Mitarbeiter zu treten. Es half auch nicht, dass sie in der gleichen Email einen Alternativtermin vorschlug, denn mit keinem einzigen Wort ließ sie erkennen, dass sie erst einmal alleine die Situation klären wolle. Offensichtlich war die Redaktion darauf hinaus, unsere Mitarbeiter erneut vorzuführen.

Wir entschlossen uns daraufhin, die Mitarbeiterversammlung durchzuführen, ob mit oder ohne Frau Osterhaus. Am 15. Mai um 13 Uhr versammelten sich die Mitarbeiter im Speisesaal des Pflegehauses Kreuzberg. Der Platz von Frau Osterhaus blieb leer. Leider.

Die Mitarbeiter hatten eine Rechtsanwältin zur Versammlung eingeladen, weil sie und auch einige Bewohner sowie die Betreuer einiger Bewohner von uns wissen wollten, was sie gegen heimliche Film – und Tonaufnahmen tun könnten. Die Rechtsanwältin beantwortete die Fragen der Mitarbeiter.

Dann machten die Mitarbeiter ihrem Ärger über die Berichterstattung Luft. Den Verlauf der Versammlung haben wir dokumentiert (die rechtlichen Fragen werden bis Minute 9:20 geklärt).

https://www.youtube.com/watch?v=wDSpRyNrD-E&feature=youtu.be

Noch ein weiteres Mal, vier Tage nach der Versammlung, wandte sich Frau Osterhaus mit einer Email an uns (19. Mai 2014, 12:25 Uhr):

" .... ich warte noch immer auf eine Antwort von Ihnen bezüglich unseres Terminvorschlages, den wir Ihnen am 14.5. per Mail zukommen ließen. Wir boten den 22.5. um 13 Uhr für ein Gespräch im Pflegehaus Kreuzberg an. Für unsere Planung wäre es gut, wenn wir zeitnah eine Antwort bekämen. Ich möchte noch einmal betonen, dass ich sehr am Austausch mit Ihnen und allen Beteiligten interessiert bin."

Frau Osterhaus wollte offensichtlich mit der weiteren Email Gesprächsbereitschaft dokumentieren.

Der Grund, warum Frau Osterhaus "sehr am Austausch mit Ihnen und allen Beteiligten interessiert" ist, wurde uns sogleich klar: sie plant für die Sendung "extra" auf RTL eine weitere Reportage über die Folgen ihres "Team Wallraff" Berichtes. Was hatte sie eigentlich erwartet? Dass sich Mitarbeiter und Bewohner noch einmal benutzen lassen?

Welche Folgen der Bericht von Pia Osterhaus für die Mitarbeiter und Bewohner des Pflegehauses Kreuzberg hatte, kann sie nun leicht anhand der Dokumentation unserer Mitarbeiterversammlung sehen. (siehe obenstehenden Link zum Video).

Eines allerdings wird Frau Osterhaus aus dem Video nicht erfahren: Inzwischen haben sich mehrere Mitarbeiter und Betreuer von gefilmten Bewohnern entschlossen, gegen Pia Osterhaus Strafanzeige zu stellen. Dies ist zwischenzeitlich auch geschehen.